Kardinalfehler von Dietmar Jacobs und Alistair Beaton im Contra-Kreis-Theater - kultur Nr. 197 - Dezember 2024

Sechs Personen sind zu sehen; der Kardinal und seine beiden Hilfskräfte in der Mitte.
Foto: Contra-Kreis-Theater
Sechs Personen sind zu sehen; der Kardinal und seine beiden Hilfskräfte in der Mitte.
Foto: Contra-Kreis-Theater

Im Bistum von Bischof Konrad Glöckner ist die Welt noch in Ordnung. Kaum Kirchenaustritte, keine Skandale, vorbildliche Amtsführung.

Glöckner ist ein echter Hoffnungsträger: ein entschiedener Reformer und gleichzeitig gerade so konservativ, dass kein Gottesfürchtiger auf synodalen Wegen verloren geht. Das weiß auch der Papst zu schätzen und hat deshalb zum Abschluss seiner Deutschland-Reise einen Besuch in dem Muster-Bistum angekündigt, das stolz auf eine 700-jährige Geschichte zurückblicken kann. Die Aufregung angesichts des Ereignisses ist groß. Aber Generalvikar Helmut Koch hat alles im Griff. Bis plötzlich eine junge Frau namens Emma auftaucht, Ergebnis von Glöckners heimlicher kurzer Auszeit vom Zölibat in seinem früheren Wirkungsort Paderborn. Emma hat nach dem Tod ihrer Mutter keine Mühen gescheut, um ihren Vater ausfindig zu machen. Für das deutschbritische Autoren-Duo Jacobs und Beaton, das den Kardinalfehler im Auftrag des Theaters Trier erfand, ist sie nur der Anlass für ein bissiges Lustspiel voller schneller Wortgefechte, amüsanter Seitenhiebe und geschliffener Pointen. Seit der Uraufführung im Frühjahr 2023 steht das brisante Stück auf etlichen deutschen Spielplänen.

Der Theater-Tausendsassa René Heinersdorff hat es 2024 an seinem Theater an der Kö in Düsseldorf herausgebracht und erfolgreich auch schon in Köln und München präsentiert. Heinersdorffs Inszenierung, mit einem teilweise neuen Ensemble frisch aufpoliert von Produktionsleiter Leon Reichert, ist jetzt im Contra-Kreis zu erleben. Vor der Kulisse mit angedeuteten gotischen Spitzbögen verkörpert Till Brinkmann perfekt den gestandenen Kirchenfürsten, der mit frommer Hingabe und ein wenig Hang zum Luxus (hübsche Anspielung auf den Limburger Bischof Tebartz-von Elst) sein Reich führt. Schwankend zwischen Ehrgeiz (immerhin scheint der Aufstieg zum Kardinal in greifbarer Nähe), priesterlicher Verantwortung und väterlichen Gefühlen. Sein Mann fürs Grobe ist Generalvikar Koch, als hemdsärmeliger Macher gespielt von Klaus Zmorek, der mehrere Jahre am Theater Bonn engagiert war und auch durch diverse TVSerien bekannt ist. Koch führt als treuer Diener der Kirche nicht nur umsichtig die Geschäfte samt schwarzer Kassen, sondern ist auch stets in der Lage, Lügen in selektive Wahrheiten zu verwandeln. Er ist der erfahrene Strippenzieher im Hintergrund, der auch als Mafia-Consigliere gute Figur machen würde. Die kriminelle Klaviatur von Bestechung bis Erpressung beherrscht er jedenfalls virtuos. Im Zweifelsfall befreit ja die Beichte von allen Sünden. Bischof und Vikar erteilen sich gern gegenseitig die Absolution.
Die Sache spitzt sich zu, als ein päpstlicher Abgesandter erscheint, der den Besuch des Heiligen Vaters vorbereiten soll. Armin Riahi gibt den Marschall Martin Miller aus Rom mit grauem Anzug und modischen Glitzerschuhen (Kostüme: Anja Saafan), als taffen Manager, der sich lieber auf dem internationalen Parkett bewegt als in der deutschen Provinz. Glaubensfragen gehören nicht zu seinem Geschäftsbereich. Dem schüchternen jungen Seminaristen Matteo (überzeugend: Victor Maria Diderich) dagegen bedeutet sein christlicher Glaube alles. Glöckner gefällt sein Engagement. Koch hat nichts übrig für diesen „selbstgerechten Gutmenschen mit dem Welpenblick“. Emma (sympathisch selbstbewusst: Bianca Spiegel) geht es nicht um Geld, sondern um Anerkennung. Aber langsam kocht die Wut in ihr hoch über die katholischen Kleingeister. Die beiden jungen Leute verständigen sich darüber, dass es so nicht weitergehen darf. Am Ende hält Matteo ein flammendes Plädoyer für Weltoffenheit, Toleranz und Diversität. Da wird die Komödie durchaus ernst.
Und dann ist da noch die bodenständige Haushälterin Wibke, ein echter Glücksfall in all den Turbulenzen. Ursula Michelis als robuste gute Seele, die den hohen Herren auch mal ordentlich die Möbel zurechtrückt, sorgt für herzhafte Heiterkeit im Publikum. Sie ist die Sympathieträgerin des Abends, der kein wohlfeiles Kirchen-Bashing ist, sondern humorvoll die Diskrepanz zwischen menschlichen Bedürfnissen und klerikaler Borniertheit herausstellt. Ein gutes Beispiel dafür, wie Unterhaltung und kritisches Nachdenken zusammengehen können. Begeisterter Premierenbeifall! E.E.K.

Freitag, 30.01.2026

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