Gretchen 89ff. - von Lutz Hübner im Kleinen Theater - kultur Nr. 197 - Dezember 2024

Zwei Darstellende schauen sich vergnügt in die Augen.
Foto: Patric Prager
Zwei Darstellende schauen sich vergnügt in die Augen.
Foto: Patric Prager

Ironische Selbstbespiegelung des Theaters
Schon wie der echte Theaterleiter Frank Oppermann nach und nach die Rolle des fiktiven Theaterleiters übernimmt, ist ein kleines Vergnügen.

Ein neues Bühnenbild kann man einsparen. Das vom „Kunstseidenen Mädchen“ steht noch da. Im Kleinen Theater wird nämlich in den Kulissen des gerade laufenden Stückes das nächste geprobt.
Und um Proben geht es ja bei Gretchen 89ff. von Lutz Hübner, einem der meistgespielten Gegenwartsautoren auf deutschen Bühnen. Seit 2004 schreibt er Stücke gemeinsam mit seiner Frau Sarah Nemitz. Zu den größten Erfolgen des Duos zählt Frau Müller muss weg. Gretchen 89ff., uraufgeführt 1997 in der Baracke des Deutschen Theaters Berlin, hat übrigens nichts mit dem Jahr der Wende zu tun. Es geht um die sogenannte „Kästchenszene“ in Goethes Faust I. Kenner wissen: Das ist die mit der Ballade vom „König in Thule“
und Margarethes berühmtem Satz: „Nach Golde drängt / Am Golde hängt / Doch alles: Ach wir Armen!“. In Hübners Reclamheft sind das Seite 89 folgende. Komplett erleben wird man den Monolog auf der Bühne nicht. Aber einen vergnüglichen Blick werfen hinter die Kulissen des Theaterbetriebs und auf insgesamt zehn Probensituationen. Es geht um die leidenschaftliche, mitunter auch unselige Kombination von Regie und Schauspielenden. Der Wiedererkennungswert der Typen ist nicht nur für Theater-Insider hoch.

Im Kleinen Theater hat Steffen Laube, von 1991 bis 2003 am städtischen Theater Bonn als Schauspieler engagiert, seitdem auf zahlreichen deutschsprachigen Bühnen tätig (am Contra-Kreis war er zuletzt in der Komödie Weinprobe für Anfänger zu erleben) und als Regisseur unterwegs (am Kleinen Theater brachte er im Sommer 2024 die Komödie "Das Lächeln der Frauen" auf die Bühne), die heitere Liebeserklärung ans Theater inszeniert. Und das schön doppelbödig als mehrfach gebrochenes Spiel im Spiel. Er lässt die beiden Akteure nicht nur immer wieder aus ihren Rollen als Schauspielerdarsteller heraustreten und Hübners Beschreibungen der verschiedenen Charaktere und Szenenanweisungen zitieren, sondern auch das Publikum direkt ansprechen. Was dieses bei der Premiere mit
viel Gelächter und Zwischenbeifall quittierte. Zumal die Aufführung nicht mit lustvoll unverschämten Anspielungen (auch an anwesende Kolleginnen) und allerhand kleinen Bosheiten spart.

Jacqueline Jacobs, im Kleinen Theater bereits in den ersten beiden Folgen von Kempowskis Deutscher Chronik zu sehen, spielt in der ersten Probenszene die Anfängerin, die frisch von der Schauspielschule mit Fahrradhelm hereinstolpert und alles richtig machen möchte. Was den anfangs im Zuschauerraum hockenden Regisseur zum brüllenden „Schmerzensmann“ macht. Fleischlich soll sie ihre Rolle denken, Wahrheit will er sehen und schreckt auch vor Publikumsbeschimpfungen („Abo-Schweine“) nicht zurück.
Der gebürtige Bonner Alexander Sehan, der seine Laufbahn als Regieassistent am Kleinen Theater begann, spielt den jungen Regieberserker, bevor er in die Rolle des „alten Haudegens“ (ausdrückliches Vorbild: Walter Ullrich) schlüpft, den nichts mehr erschüttern
kann und der vor allem in alten Erinnerungen schwelgt. Die Geschlechterrollen werden getauscht, wenn Jacobs den „Freudianer“ mimt und Sehan einen Rock verpasst. Dem schnöseligen Typen geht es um Sex, also eigentlich nur um die Frage, ob Gretchen scharf auf Faust ist. Der Streicher dagegen zweifelt an der Notwendigkeit fast aller Sätze und findet die ganze Szene letztlich überflüssig.

Einen großen Auftritt zelebriert die Diva, der schüchterne Regisseur darf auch mal den Requisiteur geben. Das joviale „Tourneepferd“ mit breitem Wiener Akzent und Bauchattrappe geriert sich als unwiderstehlicher Lover (MeToo und die berüchtigte Besetzungs-Couch lassen grüßen). Die allwissende Dramaturgin thront hinter einem Papierberg und möchte den Figuren alle Psychologie austreiben. Und die Schauspieler an sich – was wollen sie eigentlich? Als Gipfel ihrer Karriere eine Nennung in der Bibel aller Theaterschaffenden, dem Magazin „Theater Heute“? Und dann ist da noch der naive junge Hospitant, der das Theater wirklich liebt und am Ende behaupten darf: „Theater ist einfach toll!“. Das Publikum stimmte dem gern zu und belohnte den köstlichen Bühnenspaß mit vielen Lachern und munterem Schlussapplaus. E.E.K.

Mittwoch, 28.01.2026

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Letzte Aktualisierung: 03.02.2026 21:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn