Schwester von (Lot Vekemans im Kleinen Theater) - kultur Nr. 200 - April 2026

Schwester von ...; Szene mit der Darstellerin Anna Möbus
Foto: Patric Prager
Schwester von ...; Szene mit der Darstellerin Anna Möbus
Foto: Patric Prager

Im Schatten der Heldin
Dreitausend Jahre lang hat sie geschwiegen, nun tritt sie heraus aus dem übergroßen Schatten der legendären Antigone, deren Namen sie nie mehr aussprechen will.

Die Geschichte ist über sie hinweggegangen, Ismene blieb eine Randfigur der Mythologie. In der Tragödie des Sophokles ist sie nur das sanfte, gehorsame Mädchen, während ihre rebellische Schwester als heroische Kämpferin gefeiert wird. Antigone lieferte bis in die Neuzeit den Stoff für zahlreiche Interpretationen. Ismene blieb bloß die Schwester von. So heißt auch das Monodrama von Lot Vekemans, einer der meistgespielten niederländischen Gegenwartsautorinnen. Vor zwei Jahren stand bereits ihr großer Monolog Judas auf dem Programm des Kleinen Theaters. Nun feierte hier ihr Ismene-Monolog mit der fabelhaften Anna Möbus seine beeindruckende Premiere.
Die Schauspielerin und Theaterdozentin Beate Schwarzbauer hat in ihrer ersten Regiearbeit am Kleinen Theater die Geschichte sehr sensibel inszeniert, ohne große dramatische Ausbrüche, vollkommen fokussiert auf die Erzählung. Die atmosphärisch eingesetzte Musik bleibt zurückhaltend. Man kann die Stille förmlich hören. Auch die bellende Hundemeute und die aggressiven Stechfliegen, obwohl sie nicht von Tönen illustriert werden. Ausstatterin Andrea Aufleger hat dafür eine Ruinenlandschaft auf die Bühne gebaut. Weiß und rot gestreifte Plastikbahnen bedecken Hocker und anderes Mobiliar und dienen gelegentlich auch als Hülle oder Gewand der Protagonistin. Eine große runde Scheibe im Hintergrund leuchtet wie eine fahle Sonne oder als Projektionsfläche für verfließende Wellen, die wie die Zeit alle Schrecken einebnen.
Dazwischen bewegt sich Anna Möbus, barfuß im schlichten hellgrauen Kostüm aus sportlicher langer Hose und Bluse. Ungemein präzis wechselt sie Standorte und Positionen, während sie dem Publikum nüchtern die Geschehnisse berichtet. Alles begann mit Ödipus, der unwissentlich seine Mutter Iokaste heiratete und somit zugleich Vater und Bruder seiner Kinder war. Als er die Wahrheit erfuhr, stach sich der jahrelang als Held und Retter verehrte Mann die Augen aus, wurde von seinem Bruder Kreon aus Theben verbannt und starb irgendwo in der Fremde. Iokaste erhängte sich. Die Brüder Polyneikes und Eteokles töteten sich gegenseitig im Kampf um die Herrschaft. Der Leichnam des geliebten Polyneikes sollte auf Befehl des Königs Kreon nicht nach dem Gesetz der Götter bestattet, sondern nach den staatlichen Erlassen den Geiern und Hunden überlassen werden. Antigone widersetzte sich der Willkür ihres Onkels und bezahlte das mit ihrem Leben. Ihr Verlobter Haimon, Kreons Sohn, brachte sich um, seine Mutter beging ebenfalls Selbstmord. Eine unselige Familiengeschichte: „Ich war noch jung, ein Kind. Ich wurde nichts gefragt. Mir wurde nichts erzählt, nichts erklärt“.
Und nun sitzt Ismene einsam zwischen den Trümmern und reflektiert über das von den gelangweilten Göttern verhängte Schicksal. Und über einfache menschliche Gefühle. Zum Bespiel über ihre Schwes ter, die immer die Erste und Tüchtigste sein wollte. Eigensinniger Heroismus war einfach nicht Ismenes Sache. Sie wäre gern auch jemand gewesen, auf den man stolz sein kann. Sie sei immer eifersüchtig auf Menschen gewesen, die sich ihrer Sache sicher sind und wissen, was gut und schlecht ist. Möbus spielt diese Konflikte und Zweifel mit atemberaubender körperlicher Präsenz und emotionaler Genauigkeit. Anrührend ist die kleine Szene, in der sie berichtet, wie sie ein von einem Bussard getötetes Kaninchen begrub. Es sind solche Gesten elementarer Menschlichkeit, die darüber nachdenken lassen, wie man die Schatten der Vergangenheit hinter sich lassen und echten Frieden finden könnte. Begeisterter Beifall für die großartige schauspielerische Leistung und die hochkonzentrierte Inszenierung.

Donnerstag, 23.04.2026

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Letzte Aktualisierung: 07.05.2026 15:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn