Amt und Würgen in Malentes Theater Palast - kultur Nr. 200 - April 2026

Dirk Vossberg-Vanmarcke schläft auf seinen Aktenordnern auf seinem Schreibtisch.
Foto: Barbara Frommann
Dirk Vossberg-Vanmarcke schläft auf seinen Aktenordnern auf seinem Schreibtisch.
Foto: Barbara Frommann

Vergnügen mit Brief und Siegel
Zugegeben: Beamtenwitze sind ziemlich unfair, denn diese Leute tun doch gar nichts.

Und schon sind wir mittendrin in der Soloshow "Amt und Würgen" von Dirk Vossberg-Vanmarcke. Der hat sich durch Berge von Gesetzen und Vorschriften gewühlt und dabei allerhand Bedenkenswertes und Kurioses gefunden.
Die Erfahrungen beim eigenen Hindernislauf mit Brandschutzbestimmungen und anderen städtischen Besorgnissen vor der Neueröffnung des historischen Spiegelzeltes in Pützchen 2022 fließen da nur am Rand mit ein. Auch das Stellenwachstum
proportional zur Abnahme der Leistungen ist kein großes Thema. Zum direkten Erfahrungsschatz gehört indes, dass ein Steuerbescheid über null Euro bei nicht eingehaltener Bestätigungsfrist durchaus einen Säumniszuschlag von 100 Euro nach sich ziehen
kann. Vossberg-Vanmarcke, einer der beiden Direktoren von Malentes Theater Palast, spießt in seinem mit eindrucksvollen Aktenordnerwänden ausgestatteten Büro (Bühnenbild wie immer: Heiko de Boer) genüsslich bürokratische Sprachmuster und
Absurditäten auf.
Besteht ein Personalrat aus nur einer Person, kann auf eine Geschlechterquote verzichtet werden. Klingt genauso einleuchtend, wie die Regel, dass, wenn ein Beamter auf einer Dienstreise stirbt, diese als beendet gilt.
Immerhin gilt auch, dass, wenn ein Beamter bei der Arbeit einschläft, vom Stuhl fällt und sich dabei verletzt, dieses als Arbeitsunfall zu bewerten ist.
Da gewinnt Katja Epsteins Vorschlag „Dann heirat‘ doch dein Büro“ noch mal an Plausibilität. Im Theater Palast dürfen sich die „lieben Steuerpflichtigen“ jedoch völlig sicher fühlen. Die Breite der Notausgänge wurde noch mal auf den Millimeter genau kontrolliert. Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars zur Teilnahme an dem höchst vergnüglichen Seminar über den behördlichen Erfindungsreichtum muss man nicht stellen. Der Referent im beamtengrauen Outfit illustriert vieles auch noch sorgfältig über die Videoscreens zu beiden Seiten der Bühne.
Das Mitführen eines staatlichen Personaldokumentes zum Identitätsnachweis ist allerdings stets erforderlich. Bei Auslandsreisen gilt das auch für Säuglinge, die auf dem Foto übrigens im Gegensatz zu Erwachsenen lächeln dürfen. Zu beachten ist jedoch, „dass sich das Gesichtsbild von Kleinstkindern innerhalb kurzer Zeit stark verändern kann, sodass eine Identifizierung mit dem ursprünglichen Ausweisdokument teilweise auch schon deutlich vor Erreichen des aufgedruckten Gültigkeitsendes nicht mehr möglich ist.“ Angehende Eltern bzw. Erziehungsberechtigte sollten sich das merken. Dafür erhalten sie das Kindergeld aber demnächst ohne förmlichen Antrag.
Dass für Weihnachtsbäume tatsächlich fünf verschiedene Mehrwertsteuersätze gelten, kann man in Zeiten verstärkter Konsumlust wahrscheinlich verkraften. Womit wir schon bei der Lust im neu eingerichteten Sperrbezirk im Bonner Westen sind.
Mit „Anbahnungszone“, „Verrichtungsboxen“ und Automaten zur Entrichtung der täglichen Steuer von sechs (!) Euro durch ordnungsgemäß regis trierte Sexarbeitende jeden Geschlechts. Ganz ohne kleine Schlüpfrigkeiten kommt der Parforceritt auf
dem Amtsschimmel nicht über die Paragrafenzäune. Wobei aber auch so schöne Erzeugnisse sprachlicher Kreativität zu entdecken sind wie „raumübergreifendes Großgrün“. Was mit Politik rein gar nichts zu tun hat, sondern Bäume und Sträucher meint, die als Sichtschutz dienen können, aber mitunter auch störend wirken.
Hübsch garniert wird die Blütenlese u. a. mit einigen Liedern der Kastelruther Spatzen aus Südtirol. Ansonsten regiert der Herr der Akten und Stempel – „abgearbeitet und abgeheftet“ – allein sein würdiges Amt, das selbstverständlich das wichtigste aller Ämter überhaupt ist. Weshalb auch selten Zeit zur Annahme von Telefonaten bleibt. Wieso die Bundesnetzagentur einen Fax-Dienstleister benötigt, ist nicht ganz klar. Muss aber auch nicht sein. Denn bei den Schätzen aus dem Reich der Ämter
kommt man aus dem Lachen ohnehin kaum noch heraus. Begeisterter Premierenapplaus für dieses neue satirische Format im Malente-Repertoire, insbesondere für den souveränen Solisten.

Donnerstag, 23.04.2026

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