Don Karlos (A New Morning) von Felix Krakau nach Friedrich Schiller im Schauspielhaus - kultur Nr. 201 - Mai 2026

- Don Karlos: Szene mit Don Karlos und Marquis Posa
Foto: Matthias Jung

Don Karlos: Szene mit Don Karlos und Marquis Posa
Foto: Matthias Jung
Monarchendämmerung „Es hätte / Bei mir gestanden einen neuen Morgen / Heraufzuführen über diese Reiche“, erklärt der Marquis von Posa in seinem letzten Gespräch mit Königin Elisabeth in Schillers Tragödie "Don Karlos."
„In diesem Jüngling / Ging mir ein neuer, schöner Morgen auf“, bekennt der König im Schlussakt. Da hat Philipp 2, wie er hier genannt wird, den charismatischen Hoffnungsträger bereits erschossen.
In Felix Krakaus Version des Stoffes, die im März im Bonner Schauspielhaus in der Regie des Autors ihre Uraufführung erlebte, tötet Philipp den Marquis eigenhändig. Krakau, bekannt für seine Überschreibungen klassischer Dramen, hat Schillers extrem langes, in Blankversen verfasstes „dramatisches Gedicht“ massiv gekürzt, das Personal auf sechs Figuren reduziert und den Text sprachlich in die Gegenwart transportiert. Ohne dem Dichter untreu zu werden: Es ist dessen Mischung aus Familien- und Polittragödie, höfischen Intrigen, Machtspielen und scheiternden Plänen, die hier in neuen Versen auf die Bühne kommt. Der „neue Morgen“, den Krakau dem Titel hinzugefügt hat, bleibt freilich eine schöne Utopie. Der Idealist Posa, dessen pathetische Forderung nach „Gedankenfreiheit“ ihn zum Helden ganzer Generationen machte, opfert sich umsonst. Norbert Oellers, der Bonner Germanist und Herausgeber der inzwischen abgeschlossenen Schiller-Nationalausgabe, betrachtete Schillers 1887 in Hamburg uraufgeführtes Drama skeptisch als ein Werk, in dem es um das „Scheitern einer auf Freiheit fixierten Weltbeglückungsidee“ geht. Krakau inszeniert die Story temporeich mit Stilmitteln von Family-Soap und Politthriller als eine Art „House of Cards“ des 16. Jahrhunderts in Spanien.
Die allumfassende Herrschaft der katholischen Kirche spielt dabei allenfalls eine Nebenrolle. Im idyllischen Garten von Aranjuez, der königlichen Sommerresidenz, segeln anfangs malerisch ein paar weiße Wölkchen über den strahlend blauen Himmel und spiegeln sich auf dem glatten Boden. Die Atmosphäre trübt sich zusehends ein, wenn die kleine Gesellschaft zurückkehrt an den Hof von Madrid.
Florian Schaumberger (Bühne, Video, Lichtkonzept) lässt statt Vorhängen verschieden große, farbig beleuchtete Rahmen aus dem Schnürboden schweben, die hintereinander gestaffelt immer neue Schauplätze eröffnen. Die Szenen wirken in dieser genial abstrakten Raumkonzeption im perfekten Zusammenspiel mit der Bühnentechnik wie gerahmte Bilder, bisweilen wie Schattenspiele. Beleuchtete Treppenstufen markieren die strenge Hierarchie der erstarrten Gesellschaft. Die Kostüme von Jenny Theisen schwanken zwischen Punk- und Comictrash-Ästhetik.
Das Ensemble, das sich mitunter auch zum Chor („Der Hof”) formiert und das von Timo Heins suggestiver Musik begleitete Geschehen auf Trab hält, meistert die rasanten Stimmungswechsel bravourös. Jacob Z. Eckstein spielt den jungen, von seinem Vater zur Untätigkeit verurteilten Kronprinzen Karlos („Dreiundzwanzig Jahre, / Und nichts für die Unsterblichkeit getan!“) als gefühlsunsicheren Träumer, der sich verzweifelt nach väterlicher Anerkennung sehnt und seine Stiefmutter begehrt, die einst seine Braut war. Zunächst nimmt er voller Begeisterung die Perspektiven auf, die ihm sein Jugendfreund Posa eröffnet. Um die Rechte der unterdrückten Niederlande geht es diesem leicht entflammbaren Geist dabei kaum. Eher um die Aussicht, irgendwann doch noch als Mitspieler ernst genommen zu werden. Riccardo Ferreira verkörpert den politischen Kopf und talentierten Redner Posa, der vor allem bewundert werden will. Dass er den Prinzen lediglich als Mittel für seine Ziele braucht, rückt seine humanistischen Ideale allerdings ins Zwielicht. Auch wenn er König Philipp mit seinem Mut und seinen Visionen beeindruckt, sein Kalkül geht nicht auf. Der ehrgeizige Taktiker hat sich „verzockt“.
Daniel Stock ist der einsame, ungeliebte Herrscher Philipp, ein Gefangener seiner absoluten Macht, die er aggressiv behauptet. Imke Siebert spielt mit klarer Haltung die junge, pflichtbewusste Königin Elisabeth, die ihren fast gleichaltrigen, schwärmerischen Stiefsohn nur allzu gern als politischen Freiheits-Aktivisten sähe. Paul Michael Stiehler ist als wendiger Höfling Alba das Gegenbild der naiven Provokateure, die er mit kühlem Spott und assigem Lächeln in den Untergang treibt. Julia Kathinka Philippi gibt mit blonder Monroe-Anmutung die glücklose „La Eboli“. Den Rest erledigen mehr oder minder absichtlich in falsche Hände gelangende Briefe. Nur Elisabeth, der Oellers als einziger eine tragische Dignität zugesteht, bleibt unbeschädigt. Auf ihr ruhen die Hoffnungen für einen neuen Morgen. Das historische Vorbild starb allerdings schon kurz nach Karlos‘ Tod.
Schillers in die Gegenwart überschriebenes Drama beweist mit szenischer Intelligenz, spielerischem Witz und visueller Dynamik die Aktualität des Klassikers. Lebhafter Premierenapplaus!
Freitag, 24.04.2026
Zurück