Bei Anruf Mord - Hitchcock-Klassiker im Kleinen Theater - kultur Nr. 201 - Mai 2026

Bei Anruf Mord; Streitszene mit den Darstellern Jan-Fiete Krenzer und James Bürkner
Foto: Patric Prager
Bei Anruf Mord; Streitszene mit den Darstellern Jan-Fiete Krenzer und James Bürkner
Foto: Patric Prager

Brillanter Thriller
Keine Spuren des Täters, ein einwandfreies Alibi: Es sollte das perfekte Verbrechen werden.

Aber wie so oft kann ein winziger Fehler einen todsicheren Plan durchkreuzen. Tony Wendice, ehemaliger Tennisstar, will seine Frau Sheila loswerden, um sich ihr Vermögen anzueignen. Der kleine Betrüger Charles Swann soll sie umbringen, während Tony mit Sheilas zeitweisem Lover Max Halliday den Abend in einem noblen Herrenclub verbringt. Ein Telefonanruf bei Sheila ist das Signal für den minutiös durchdachten Mordablauf. Doch Sheila ersticht in Notwehr den gedungenen Mörder. Womit die Geschichte jedoch noch längst nicht zu Ende ist. Denn Tony erfindet flugs ein neues Tatmotiv. Dass Max, ein erfahrener Krimiautor, ohne es zu wissen die Wahrheit als Fiktion rekonstruiert, gehört zu den genialen Volten des Dramas. Ganz ohne die Mitwirkung eines misstrauischen Inspektors von Scotland Yard ist der Fall indes nicht zu lösen.
Der britische Autor Frederick Knott feierte mit seinem Psychothriller "Dial M for Murder" 1952 große Bühnenerfolge im Londoner West End und am New Yorker Broadway und verfasste auch das Drehbuch zu Alfred Hitchcocks Verfilmung, die 1954 in die Kinos kam. Prominent besetzt mit Grace Kelly, Ray Milland und Robert Cummings. Im Kleinen Theater hat die Bonner Regisseurin Anna Sophia Baumgart (unterstützt von der am Kleinen Theater bestens bekannten Schauspielerin Heike Schmidt) den berühmten Krimiklassiker neu auf die Bühne gebracht. Sehr nah am Original bis hin zur dezent eingespielten Filmmusik von Dimitri Tiomkin. Es ist ein Kammerspiel mit einem einzigen Schauplatz, dem eleganten Apartment des Ehepaars Wendice. Hausherr Frank Oppermann (auch verantwortlich für den Ton und das stimmungsvolle Licht) selbst hat es detailreich ausgestattet mit Tonys gesammelten Sporttrophäen, Sheilas Porträt an der Wand, der Tür zum Treppenhaus, dem Vorhang vor der Tür zur Gartenterrasse und natürlich einem Glastischchen mit einer exquisiten Auswahl hochprozentiger Drinks. Selbstverständlich darf man je nach Sachlage nervös oder entspannt zu Zigaretten greifen, wenn auch vorschriftsmäßig ohne Feuer und Rauch.
Baumgarts Inszenierung besticht durch die Präzision, mit der sie die Spannungsbögen aufbaut, szenische Glanzlichter setzt und immer wieder den trockenen Humor der Vorlage durchscheinen lässt. Dafür hat sie ein exzellentes Ensemble, das sich mit wunderbarer Leichtigkeit die Dialogbälle zuspielt, mitunter sogar ganz konkret mit einem Tennisball Denkschritte markiert. Jan-Fiete Krenzer ist der raffinierte Spielmacher Tony, der auf dem Court offenbar auch seine Gehirnzellen trainiert hat. Jede überraschende Wendung pariert er souverän. Überzeugend spielt er den liebevollen Ehemann, der über den kleinen Seitensprung seiner Gattin großzügig hinwegsieht und sich mit undurchdringlicher Miene und leisem Triumph bereits als Sieger sieht, als Sheila vor Gericht steht (fabelhaft rot ausgeleuchtetes Albtraumbild) und zum Tod verurteilt wird. Ziel erreicht: Ob mit einem Schal oder am Galgen erwürgt – Hauptsache ihr Geld gehört bald ihm.
Die niederländische Musicaldarstellerin Eveline Gorter (zum ersten Mal am Kleinen Theater zu Gast) ist die bezaubernde blonde Sheila, die bis zum Schluss nicht ahnt, welch böses Spiel ihr Gatte treibt. Im verführerischen roten Kleid (tolle Kostüme: Marie-Theres Jestädt) genießt sie den Abschiedsabend mit Max, bevor sie im weißen Negligé zur rettenden Schere greift und im korrekten schwarzen Outfit ihr grausames Schicksal erwartet. Großartig verkörpert Falk Philippe Pognan den attraktiven Erfolgsschriftsteller Max, der Sheila ehrlich liebt und alles tun würde, um ihr Leben zu retten. James Bürkner ist Tonys einstiger Collegekamerad Swann, der unter diversen Namen in eine kriminelle Laufbahn abgerutscht ist und schließlich das mörderische Angebot annimmt. Sein Dialog mit Tony, der ihn erpresserisch in die Enge treibt, gehört zu den Höhepunkten der Vorstellung. Die Rolle des Chief Inspector Hubbard spielt Oppermann persönlich. Anfangs freundlich jovial und scheinbar ziemlich schusselig, aber hinter dieser Fassade verbirgt sich ein Kombinationstalent, dem selbst Tony nicht gewachsen ist.
Älteren Kinofans dürfte die Story bekannt sein. Ein intelligentes Vergnügen ist die stilsichere, ständig auf Hochspannung laufende Inszenierung auf jeden Fall. Was in dem ständig hin und her wandernden Brief stand, einem der wichtigsten Requisiten des Abends, bleibt zwar ein diskretes Geheimnis. Aber klar ist: Der Schlüssel zur Aufklärung ist tatsächlich ein Schlüssel. Bei der ausverkauften Premiere wurde das ganze Team mit kaum enden wollendem Applaus und stehenden Ovationen belohnt.

Freitag, 24.04.2026

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Letzte Aktualisierung: 07.05.2026 15:01 Uhr     © 2026 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn