Kölner Philharmonie
Gürzenich-Orchester Köln

- Susanna Mälkki
Foto: Jiyang Chen

Susanna Mälkki
Foto: Jiyang Chen
Nacht
Konzert - Dukas, Debussy & Bartók
Victoria Karkacheva, Mezzosopran
Gerald Finley, Bassbariton
Susanna Mälkki, Dirigentin
Paul Dukas (1865-1935)
Ariane et Barbe-Bleue – Ouvertüre zum 3. Akt 1907
Paul Dukas, der am 1. Oktober 1865 in Paris geboren wurde, studierte am dortigen Konservatorium. Der berühmte Rom-Preis, der mit einem Studienaufenthalt in der italienischen Hauptstadt verbunden war und eine wichtige Sprosse der musikalischen Karriereleiter in Frankreich darstellte, ging leider an ihm vorbei; er gewann nur den zweiten Preis. Den Durchbruch als Komponist erlebte er 1892 mit der Ouvertüre „Polyeucte“, in der er sich zu seinen stilistischen Vorbildern Beethoven, Wagner und Franck bekannte. Dukas war seinen Werken gegenüber immer sehr kritisch. Jede Veröffentlichung wurde gründlich überlegt, vieles vernichtet. Gegen Ende seine Lebens war er ein gefragter Musikrezensent bei mehreren französischen Zeitungen. Ab 1928 unterrichtete er Komposition am Pariser Konservatorium, einer seiner Schüler war Olivier Messiaen. Dukas starb am 17. Mai 1935.
In seiner einzigen vollendeten Oper, 1907 uraufgeführt, entfaltete Dukas gemeinsam mit dem symbolistischen Dichter Maurice Maeterlinck eine ganz eigene Deutung des Blaubart-Stoffes, in der sich Motive des antiken Ariadne-Mythos und des Kunstmärchens „La Barbe Bleue“ von Charles Perrault verbinden. Im Zentrum steht Ariane, eine starke, unabhängige Frau, die sich nicht nur aus Neugier über das Verbot ihres Ehemanns Herzog Blaubart hinwegsetzt, eine geheimnisvolle Tür in seinem Schloss zu öffnen, sondern das erklärte Ziel verfolgt, ihre verschwundenen Vorgängerinnen aufzuspüren. Sie entdeckt diese noch lebend im düsteren Kellergewölbe des Schlosses und führt sie – ähnlich wie es einst Ariadne gelang, mithilfe eines roten Fadens Theseus aus dem Labyrinth zu befreien – zurück ans Licht und in die Freiheit. Doch ihre heroische Befreiungstat ist letztlich zum Scheitern verurteilt: Die erlösten Frauen fürchten die unbekannte Freiheit und bleiben bei Blaubart zurück, während Ariane das Schloss allein verlässt. Die Vertonung von Dukas zeichnet mit impressionistischer Farbigkeit das Porträt der Ariane als Heilsbringerin und Lichtgestalt – und lotet mit brillanter Instrumentation sowie ungewöhnlichen Klangfarben die Seelenräume der Figuren im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Abhängigkeit, Licht und Finsternis aus.
Claude Debussy (1862-1918)
Nuages und Fêtes aus Trois Nocturnes 1900
Ohne sonderliche Unterstützung durch das eher amusische Elternhaus musste Debussy mancherlei Enttäuschungen hinnehmen, bis er als Musiker anerkannt wurde. Misserfolge bei verschiedenen Konservatoriumswettbewerben ließen den noch nicht Zwanzigjährigen alle Ambitionen auf eine Karriere als Klaviervirtuose aufgeben. Erfolgreicher war er jedoch wenige Jahre später als Komponist: Seiner Kantate „L’enfant prodigue“ wurde der begehrte Rom-Preis zuerkannt, der mit einem dreijährigen Stipendium in der Villa Medici verbunden war. Nach dem sensationellen Erfolg des 1894 uraufgeführten „Prélude à l'après-midi d'un faune“ war Debussy als Komponist und Begründer des musikalischen Impressionismus anerkannt. Es ging bei ihm um die Aufwertung von Klangfarbe, um eine differenzierte Rhythmik und um eine nichtfunktionelle Harmonik, um Ornament und Arabeske gegenüber der traditionellen motivisch-thematischen Gestaltung. Sein Schaffen umfasst neben Kammermusik, Liedern und Kompositionen für das Klavier große Orchester- und Chorwerke sowie zwei musikdramatische Kompositionen. Debussy starb nach langer und schwerer Krankheit in Paris.
Dem missverständlichen Gebrauch des Begriffs „musikalischer Impressionismus“ hat Debussy selbst Vorschub geleistet, indem er dem von 1897 bis 1899 komponierten (und insgesamt eigentlich dreiteiligen) Werk „Nocturnes“ einige programmatische Erläuterungen anstelle einer formalen Analyse beigab: „Der Titel Nocturnes will hier in allgemeiner und vor allem in mehr dekorativer Bedeutung verstanden werden. Es handelt sich also nicht um die übliche Form des Nocturno, sondern um alle Eindrücke und speziellen Beleuchtungen, die in diesem Wort enthalten sein können. Nuages: Das ist der Anblick des unbeweglichen Himmels mit dem langsamen und melancholischen Zug der Wolken, zuletzt ein graues Verlöschen, mit sanften weißen Tönungen. Fêtes: Das ist die Bewegung, der tanzende Rhythmus der Atmosphäre mit grell aufblitzendem Licht; es ist die visionäre, blendende Episode eines Aufzugs von phantastischen Gestalten, der sich durch das Fest bewegt und in ihm verschwindet; aber das Grundmotiv bleibt hartnäckig bestehen, und es ist immer das Fest und seine Mischung von Musik und leuchtendem Staub, die am Gesamtrhythmus teilhat. Sirènes: das ist das Meer und sein unendlicher Rhythmus; dann erklingt, lacht und vergeht aus den vom Mondlicht versilberten Wellen der geheimnisvolle Gesang der Sirenen.“
Béla Bartók
Herzog Blaubarts Burg
Oper in einem Akt op. 11, Sz 48 1911
Béla Bartók wurde in Nagy Szent-Miklós, Ungarn, geboren und erhielt seine erste musikalische Ausbildung durch seine Mutter. Seit 1894 studierte er Komposition in Pressburg, zwei Jahre später Komposition und Klavier an der Musikakademie in Budapest. In seinem kompositorischen Schaffen orientierte er sich anfänglich an Liszt, mit seinen eigenständigen, die Tonalität verlassenden Kompositionen aber erregte er heftigste Ablehnung. Er erhielt zwar 1907 eine Professur für Klavier, doch 1912 zog er sich von jeder öffentlichen Tätigkeit zurück und widmete sich neben seinen Konzertreisen als Pianist ausschließlich dem Komponieren und der Erforschung des ungarischen Volksliedgutes. 1940 emigrierte er in die Vereinigten Staaten, wo es ihm schwer fiel, Fuß zu fassen. Zudem behinderte sein schlechter Gesundheitszustand seine Arbeit stark. Er starb am 26. September 1945 in New York an Leukämie.
Neben drei Bühnenwerken hat Bartók mit „Herzog Blaubarts Burg“ nur eine Oper hinterlassen – diese ist allerdings zu einem Repertoirestück des Musiktheaters geworden. Das Werk entstand in der knappen Zeitspanne von März bis September 1911 in der Nähe von Budapest nach einem Text von Béla Balázs (1884-1947), ungarischer Autor, der auch in Österreich und Deutschland bei Bühne, Film und Presse tätig war. Er schrieb seine ungarische Volksballade von der „Burg des Prinzen Blaubart“ unter dem Eindruck von Maeterlincks Bühnenmärchen „Arlane et Barbe-Bleue“ (1904) und der von Dukas nach dieser Dichtung geformten gleichnamigen Oper (1907). Den poetischen Symbolismus Maeterlincks nochmals steigernd, dachte Balázs zunächst nicht an eine Wiedergabe am Theater; doch bewährte sich das Poem bereits vor Bartóks Komposition als Sprechstück. In der herben Sprache der alten Volksballaden ist die Dichtung trotz fühlbarer dramaturgischer Schwächen von starker Kraft des Wortes und der Stimmung; Balázs ging es um die Gestaltung moderner intellektueller Erlebnisse.
Bartók konnte dieses „Mysterium in einem Akt“ erst sieben Jahre später auf der Bühne erleben. Als er es kurz nach seiner Vollendung bei einem Wettbewerb des Leopoldstädtischen Casinos in Budapest für neue Opern einreichte, wurde es von der Jury für unaufführbar erklärt. Erst nach dem Erfolg seines ersten Balletts nahm sich die Budapester Oper des „Blaubart“ an: Die Uraufführung des Márta Bartók gewidmeten Werkes erfolgte am 24. Mai 1918 unter Egisto Tango und Bartók konstatierte mit Befriedigung einen „entschiedenen Umschwung in der Haltung des Budapester Publikums“. Mit der Premiere am 15. Mai 1922 in Frankfurt am Main wurde das Stück in der Übersetzung von Wilhelm Ziegler auch auf der deutschen Opernbühne erschlossen. Anfang Januar 1929 folgte Berlin (Städtische Oper) unter dem Titel „Die Burg des Blaubart“. Sein Weg auf den Bühnen, dann in der Übertragung von Arnold Heinz Eichmann, begann aber eigentlich erst nach 1950.
Zur Handlung (Ort: imaginäre Burg von Herzog Blaubart; Zeit: unbestimmt): Judith ist Eltern und Geschwistern, die sie vor Blaubart warnten, entflohen und dem berüchtigten Mann, den sie glühend liebt, gefolgt. Blaubart lässt sie in seine Burg, die seine Seele ist, ein. Sie ist dunkel, eisig und düster und seufzt nach Erlösung. Judith will sie mit Sonne und Freude füllen und verlangt ungeduldig von ihrem Geliebten, die sieben schwarzen Türen, die Symbole seines Lebens, zu öffnen und so sein Inneres darzulegen. Blutrotes Licht dringt in die Halle, als sie die erste Tür öffnet, eine Folterkammer, in der Blaubarts eigene Qualen gleichsam verschlossen sind. Die zweite Tür öffnet nun die Waffenkammer, ein Sinnbild des täglichen Lebens, während der dritte Raum die gold-leuchtende Schatzkammer enthält. Aber überall klebt Blut an den Kleinodien, so auch im Wundergarten an Erde und Blumen, zu dem die vierte Tür führt. Die fünfte zeigt einen Blick in Blaubarts weites Land, über dem Wolken ziehen, die düsterrote Schatten werfen. Vergebens bittet der Herzog Judith, die zwei letzten Türen nicht zu öffnen. Hinter der sechsten Tür sieht sie einen Weiher gefüllt mit Tränen, den Schmerzen des Lebens. Die siebte Tür tut sich zu einem Gemach auf, das Blaubarts frühere Frauen zeigt, die Geliebte des Morgens, Mittags und Abends, in prächtigen Gewändern und mit Diademen geschmückt. Judith ist entsetzt, als Blaubart auch sie zu schmücken und zu krönen beginnt, denn sie wird nun die Königin der Nacht. Judith folgt den anderen Frauen und erlischt allmählich, während Blaubart allein in seiner verschlossenen und dunklen Burg zurückbleibt.
Als der 30-jährige Bartók die Musik des „Blaubart“ schuf, stand er noch stark unter dem Einfluss von Strauss, Debussy und anderen europäischen Meistern des anbrechenden Jahrhunderts. Diese Einwirkungen sind in seiner einzigen Opernpartitur unverkennbar. Zugleich wurden aber die musikalische Diktion, der melodisch geprägte Sprechgesang der beiden einzigen, erotisch miteinander verstrickten Helden, die Deklamation und das motivische Material in spürbarem Maße von den Elementen der ungarischen Volksmusik beeinflusst. So vermeidet die Musik in ihrer glühenden Kraft, ihrem charakteristischen Dur-Moll ein Zerfließen des symbolisch-mystischen Textes ins Gestaltlose. Die Art, wie Bartók die einzelnen Schreckenskammern vielseitig und wirkungsvoll in steter Steigerung des Ausdrucks und der Dynamik mit rein musikalischen Mitteln ohne jeden illustrativen Anteil ausmalt wie eine „Sinfonie in Bildern“, fesselt gleichermaßen Ohren und Sinne. Es kommt zu prachtvoll-intensiven Klangvisionen. Kodály, der Freund, der nahe dran war, den „Blaubart“ noch vor Bartók zu vertonen, sah in der Partitur das ungarische Gegenstück zu Debussys „Pelléas et Mélisande“. Allerdings mischt Bartók diesem Impressionismus kräftigere nationale Farben bei.
Heidi Rogge
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